Nikolaikirche Leipzig – von der Reformation zum friedlichen Aufstand

Susanne Schneeberger Geisler

Willkommensgottesdienst der Generalversammlung

Festlich gewandetet Menschen aus aller Welt sitzen freudig gespannt in den vollen Reihen der Kirche, um gemeinsam zu feiern. Nach der ersten Bachkantate wird es still und dann – völlig unerwartet – ertönten kehlige Stimmen:  „wir wollen raus“ und „Freiheit“  wird eindringlich skandiert. Der Druck unter dem die Menschen stehen und die tiefe Sehnsucht nach Öffnung sind in diesen Stimmen zu hören. Die Zeit vor dem Mauerfall wird spürbar, an diesem Ort, in dieser Kirche, wo die Montagsgebete ab 1982 stattfanden, in denen Menschen sich trafen, um für Frieden,  Freiheit und Wandel zu beten und an ihn zu glauben lange bevor erste Zäune sich öffneten, zuerst nur als kleine Gruppe über die Jahre hinweg mit wachsendem Erfolg.

Diese Botschaft hat Jerry Pillay, Präsident der WGRK in seiner Predigt aufgenommen und mit Erfahrungen aus Südafrika verbunden. Auch da haben die Kirchen und die ökumenische Bewegung  den Wandel – die Überwindung der Apartheid – mit vielen andern zusammen vorangebracht. Jerry Pillay  forderte uns Christen und Christinnen auf, auch heute konstant für Frieden und Gerechtigkeit, für Freiheit und Hoffnung einzustehen:  „Wir müssen aufstehen und leuchten, auf uns muss man zählen können, und so leben wir die Kraft und Hoffnung des Auferstandenen.“

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier knüpfte in seinem Grusswort an die Friedensgebete in der Nikolaikirche an und erinnerte an diese friedliche Revolte.  Er formulierte folgendermassen: “Hier haben die Menschen den Mut gefunden, gegen Unterdrückung und Lügen aufzustehen. Sie haben in dieser Kirche eine  Freiheit erlebt, welche sie bestärkt hat, aufrecht zu stehen. Und diese Freiheit, die wir heute mit Religions- und Gewissensfreiheit oder mit politischer Selbstbestimmung umschreiben ist vielleicht das beste Ergebnis des reformatorischen Glaubens.“

Gottfried W. Locher betonte in seinem Grusswort als Präsident der GEKE, die Bedeutung und den Beitrag vieler Reformatoren und Reformatorinnen,  zu einer weltweiten reformatorischen Bewegung, die vor über 500 Jahren begann und bis heute gelebt wird.

Dieser Gottesdienst hat viele Anwesende sehr bewegt und bestärkt.

Aus der Enge ausgebrochen

Catherine McMillan
Catherine McMillan

Im Leipziger Rathaus kamen 500 Teilnehmende des General Council zum Empfang des Bürgermeisters. Ausgerechnet diesen jungen Amerikaner traf ich! Er kommt aus dem US Bundesstaat, in dem auch ich aufwuchs, North Carolina. Er ist ein 24-jährige Theologiestudent und Jugendpfarrer. In den vergangenen drei Wochen nahm er am Global Institut für Theologie teil (GIT), einem Programm der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Dort setzten sich Studierende aus der ganzen Welt mit aktuellen Themen, unter anderem, Gender-Gerechtigkeit aus theologischer Sicht auseinander. Es wäre eine der eindrücklichsten und lehrreichsten Erfahrungen seines Lebens. Seine Geschichte erzählte er mir im Zug.

David wuchs in einer ländlichen Kleinstadt auf. Seine Familie war politisch und religiös konservativ. Schon immer wusste er, dass er «anders» war, aber Worte dafür fand er erst in der Pubertät. Die christliche Privatschule, die er besuchte, lehrte Kreationismus und traditionelle Rollenbilder für die Ehe. Der Gedanke, dass Gott ihn nicht annehmen könnte, so wie er war, quälte ihn. Die Frage nach Gott liess ihn nicht los. Er studierte Religion und Philosophie an einem reformierten College und hielt sich zu einer kleinen presbyterianischen Gemeinde, die sich «Kirche ohne Mauern» nannte – nicht nur, weil sie inklusiv war, sondern weil sie tatsächlich kein eigenes Gebäude hatte.

Warum? Weil das Kirchengebäude bei der Mehrheit der Gemeinde geblieben war, als die PCUSA (Presbyterian Church in den USA) Menschen mit homosexueller Orientierung zur Ordination zuliess. Viele Mitglieder waren befremdet und stimmten dafür, die Denomination zu verlassen. Der kleine Rest, der inklusiv sein wollte, traf sich weiterhin sonntäglich als die «Kirche ohne Mauern», immer noch Teil der PCUSA. Gerade diese Gemeinde wurde David zur geistlichen Heimat. «Da wusste ich, dass ich nach all meinem Suchen und Fragen zuhause war».

Er schloss sein Studium mit einem Doppel-Master in Theologie und pastoraler Sozialarbeit ab. Als es aufgrund der Polizeigewalt gegen Schwarze in Baltimore zu Unruhen kam, absolvierte er gerade dort ein Praktikum. «Manche Gemeinden setzten sich zum Ziel, Seelen zu retten. Ich möchte aber mit dem Evangelium Gerechtigkeit für die Armen fordern», sagt er.

Weltbilder und Ideologien, die einen quälen und vom Leben in der Fülle abhalten, können mit Liebe und Annahme in der Gemeinschaft überwunden werden, auch mit verantwortungsvoller und befreiender Theologie. David ist ein Beispiel dafür.

Conférence de Jürgen Moltmann


Aujourd’hui, nous avons eu la chance d’assister à une conférence de Jürgen Moltmann, théologien allemand. Le thème de notre assemblée générale est „Dieu vivant, renouvelle-nous et transforme-nous“. En puisant dans les Psaumes, Moltmann nous a parlé avec finesse et profondeur du Dieu vivant dont découlent le désir de vie et la joie de vivre. La CMER s’engage aussi concrètement contre les injustices économiques (voir la Confession d’Accra, qu’elle a rédigée en 2004). Moltmann s’est penché sur les souffrances des victimes d’injustices, et a rappelé l’importance de notre engagement, pour que le „soleil de la justice“ se lève sur l’humanité et la fasse fleurir.
Un grand merci pour cette conférence!

Mit ein bisschen Wehmut

Maria Oppermann

Am letzten Tag des Woman Council kommen die Frauen in traditioneller Kleidung ihres Landes zum Programm auf dem Messeglände. Farbige Kleider und Kopfbedeckungen heben hervor, wie verschieden die Kulturen sind, die sie prägen. Wie verschieden ihre Herkunft. Umso mehr wird deutlich, wie wunderbar es ist, dass sie miteinander singen, diskutieren und einander verstehen wollen. Mit einem Gottesdienst endet das Woman Council. Ein bisschen Wehmut schwingt mit. Die besondere Verbundenheit der Frauen, die durch die drei Tage spürbar war, geht nun in eine andere Art von Gemeinschaft über. Aber auch das wird mit Spannung erwartet.

Zur Erinnerung an besondere Begegnungen

 

Ein neues Kapitel des Councils beginnt: Die Delegationen der Länder reisen an. Auch die Schweizer Delegation ist nun komplett.

Schweizer Delegation

 

Prises de décision: consensus & discernement

Cécile Pache

Lors du Youth Pre-Council, nous les jeunes délégués de l’assemblée générale de la CMER, avons été introduits à la manière dont la plupart des décisions se prennent dans cette « communion réformée ». Dans un environnement où les opinions de chacun/e sont considérées avec respect et peuvent s’exprimer, des décisions peuvent être prises de manière quasi unanime, du moment que chacun/e a été assez bien entendu/e et renseigné/e pour ne pas avoir à s’opposer à la majorité.

Pour permettre cela, tout au long de l’assemblée, les délégués partagent des études bibliques, ils célèbrent,  prient et chantent ensemble, et vivent des rencontres et des échanges inoubliables, le tout dans la joie d’une foi partagée. En participant au Youth Pre-Council, j’ai vraiment fait l’expérience de cette atmosphère incroyable ! Difficile à décrire, alors quelques photos pourront peut-être aider.


Soirée culturelle


Chant spontané avec piano, percussions et guitare


Une partie des jeunes délégués au centre de congrès


Encore quelques jeunes délégués, au centre de rencontre du pré-concile (ou parce que les Indonésiens, majoritairement représentés, ne peuvent pas s’arrêter de faire des photos…!)


Etude biblique autour des noces de Cana, suivie d’une réflexion par région: „Dans ma région, quelle transformation „Les premiers seront les derniers“ implique-t-elle?“

Cécile

 

Youth Pre-Council

Cécile Pache

Du 26 au 28 juin, un pré-concile pour les jeunes a eu lieu dans les environs de Leipzig. Comme participante, j’ai rejoint les jeunes réunis depuis une petite semaine déjà pour la Youth Conference. Venus du monde entier, environ 70 jeunes ont réfléchi ensemble au concept de décroissance, et à ce que cela implique concrètement dans chaque pays.

Les réflexions ont été portées par l’idéal d’une planète où la vie serait bonne partout. Aussi, différents ateliers d’expression (corporelle, poétique, théâtrale) ont eu lieu autour du concept de « buen vivir ».

Le travail dans ces ateliers a résulté en un magnifique événement public, que nous avons présenté hier soir à l’église réformée de Leipzig.

Voilà deux extraits de la fin de la performance, autour du Psaume 1.

La soirée s’est poursuivie par une disco dans l’église (avec un vrai DJ) !

Cécile

Le monde en live

çà commence à peine sorti de la la gare. Un homme devant moi avec sa valise chercher aussi la bonne direction. Il m’interpelle et tout de suite cela démarre. Il vient d’Indonésie et à fait son doctorat avec un ancien collègue de la FEPS à Zurich. Parle un bon allemand. Mentionne mission21. Nous arrivons au centre d’enregistrement. En attendant que la steward ait fini de contrôler tous les numéros et détails de mon passeport et de ma vie personnelle, de mon départ et de mon hôtel, (la visite du président Steinmeier l’exige, s’excuse-t-elle!) , j’aperçois l’ancien Président de la CMER, l’air songeur, qui vient me saluer.  Plusieurs délégués africains attendent dans le hall. Puis c’est un collègue d’Espagne que je reconnais. Nous allons ensemble à l’Hôtel. Zone assez sinistre des banlieues et des grandes structures des foires et d’expositions. Mes collégues sont toutes là, on peut démarrer. En quinze minutes, j’ai changé de monde. J’ai passé de Wittenberg où nous tenons notre pavillon sur la Réforme suisse, à la globalité et la catholicité de notre Eglises. Je me réjouis de ce bain global.

Die Kräfte bündeln

Maria Oppermann

Woman council – der zweite Tag. Strukturelle Gewalt in der Kirche in Form  verweigerter Frauenordination. In der Schweiz schon vor 100 Jahren ein Thema.  Rosa Gutknecht und Elise Pfister wurden 1918 in Zürich ordiniert. Sie  gelten als die ersten Frauen im Pfarramt, obwohl sie nur als Pfarrhelferinnen arbeiten konnten. In Furna im Prättigau wurde 1931 als erster Gemeinde Europas einer Frau ein volles Gemeindepfarramt übertragen.

Zwei Frauen sind im Gespräch miteinander. Der Funke will nicht überspringen. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine grossgewachsen, hellhäutig, in Hosen. Sie kommt aus Grossbritannien. Die andere zierlich, dunkelhäutig mit einem schwarzen geflochtenen Zopf, in Rock und Tüchern. Sie kommt aus Südindien. Es verbindet sie mehr, als man für möglich hält. Beide sind ordinierte Pfarrerinnen. Beide mussten dafür kämpfen. Auch dann noch, als sie schon als Pfarrerinnen wirkten. Männer, die das Abendmahl von einer Frau nicht annehmen wollten oder die sie beschimpften. Vorgesetzte, die ihnen Führungspositionen verwehrten und sie im Stich liessen.

Disskussion zur Frauenordiantion

Soweit ihre Geschichte. Es ist die Einleitung zur Arbeit an einem Grundsatzpapier für die Generalversammlung. Sie soll sich dafür einsetzen, dass Frauen in allen Mitgliedkirchen der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen ordiniert werden können.

Zwei Frauen im Gespräch. Der Funke will nicht überspringen. Das Feuer reicht dazu nicht aus. Was ist los mit der wichtigen Frage der Frauenordination? Vielleicht sind sie sich ihrer selbst nicht sicher genug und spüren schon die nahende Anwesenheit der Männer, denen sie sich stellen müssen. Aus der ganzen Welt reisen sie an und kommen zum Teil mit Rollenerwartungen, die nicht vereinbar sind mit einer Frau als ordinierter Pfarrerin. Das Papier wird in den nächsten Tagen der Generalversammlung vorgelegt. Es bleibt zu hoffen, dass die Frauen ihre Kräfte bündeln und sich mit einer Stimme einbringen.

Begegnungen in der Pause

Am Abend dieses Tages werden viele Frauen sagen: Wichtig waren uns die Begegnungen mit den Frauen in den Pausen und beim Essen. Highlight des Tages war der Gottesdienst am Morgen. Da haben wir uns gespürt als Schwestern. Da wurden wir berührt von den Erzählungen der Frauen aus Südafrika und aus Sri Lanka. Da spürten wir den Geist, der uns verbindet untereinander und mit Gott.

 

Die Stimme der Frauen

Maria Oppermann

Herzlich, interessiert aneinander, farbig – Frauen aus der ganzen Welt begegnen sich. Sie teilen ihre Erfahrungen. Sie lernen voneinander. Sie ermutigen sich gegenseitig. Ihnen ist gemeinsam, dass sie ihre Kraft aus dem Glauben an Gott schöpfen. Woran erkennt man das? Sie sprechen darüber. Damit unterscheiden sie sich von der religiösen Sprachlosigkeit der meisten schweizerischen Reformierten. Diese Frauen treffen sich im Vorfeld der Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen in Leipzig

Elaine Storkey

Sie sind Schwestern

Elaine Storkey ist Philosophin, Soziologin, Theologin und Feministin. Sie erzählt Geschichten über Gewalt an Frauen. Klar und sachlich. Schonungslos lässt sie das Publikum teilhaben an den Qualen weiblicher Genitalbeschneidung, Prostitution oder sexueller Gewalt im Krieg. Das geht unter die Haut. Aber es ist nicht nur ein Mitleiden, sondern ein Aufruf, ein Auftrag, dagegen die Stimme zu erheben. Denn Elaine Storkey zeigt auf, dass Gewalt gegenüber Frauen keine menschliche Notwendigkeit oder evolutionäre Auswirkung ist. Dass Gewalt dort ausgeübt wird, wo sie durch Kultur legitimiert wird. Dass sie im Versagen unserer Beziehungen und unserer Verantwortung liegt.

Stimme der Frauen

Nach dem Vortrag stehen 200 Frauen im Kreis. Namen von Frauen, Mädchen, Kindern, alle Opfer von Gewalt, werden in den Kreis hineingerufen, Gebete spontan in fremden Sprachen gesprochen. Und doch verstehen alle. Sie sind berührt. Tränen fliessen. Sie sind Schwestern. Aus solchen Erlebnissen schöpfen diese Frauen die Kraft, sich mit einer Stimme gegen Gewalt an Frauen zu erheben. Darauf hoffen sie.